Das Leben des Brian Jürgen Gutowski

14.8.2012

MY SONG – Interview und Fototermin mit Harry Belafonte

Filed under: Lebensgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 14:11

 © Text und Fotos: Jürgen Gutowski

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„My Song“

 

 Harry Belafonte brachte sein Leben zu Papier

 

Ein grauer Tag in einem grauen West-Berlin im Jahr 1956, die Kriegstrümmer sind schon weggeräumt, aber noch immer klaffen Lücken in den einsamen Straßenschluchten, durch die sich ein großer, offener Wagen schlängelt. Auf der Rückbank der 29-jährige Harry Belafonte und sein Bandleader Bob DeCormier auf dem Weg zum Hotel. Am Flughafen hatte eine Handvoll Reporter gewartet, aber sonst war kaum ein Mensch zu sehen. Kein Wunder, verbot doch das noch immer geltende Kriegsrecht größere Menschenansammlungen in den alliierten Sektoren der ehemaligen Reichshauptstadt. Durch die geschlossenen Fenster des Hotels dringt ein leises Summen, das „wie ein Moskitoschwarm“ klang, erinnert sich der 85-jährige Harry 46 Jahre später, und die Augen und Zähne des Erzählers blitzen wie damals, als sein „Banana Boat Song“ die ganze Welt in den Calypsorausch versetzte. „Day-O…“ Wir sitzen im Besprechungsraum „Elbe 1“ des Hanseatic-Hotels in Hamburg und Harry lässt die Katze aus dem Sack: Der Moskitoschwarm vor dem Hotel rief keineswegs „Sieg Heil, Sieg Heil“, wie die Musikanten argwöhnten: Harry stößt die Fensterläden auf, und ein paar Tausend Schüler und Studenten unten auf der Straße verstoßen eklatant gegen das Kriegsrecht, indem sie „Har-ry, Har-ry“ intonieren und abends in der Show beim jüdischen Volkslied „Hava Nageela“ vor Begeisterung mit dem amerikanischen Entertainer über Tisch und Bänke tanzen. „Die Dankbarkeit, die Liebe und Herzlichkeit, die mir von diesem deutschen Publikum entgegen gebracht wurde, zählt zu meinen schönsten Erinnerungen.“

 

Trinker, Spieler, Ehebrecher

 

Ein gediegener Mann, ein schöner Mann in Kaschmir und Flanell, schlank und aufrecht, ein immer noch beinahe faltenfreies Gesicht, eine kecke Baseballkappe mit UNICEF-Logo auf der polierten Glatze. Ein „Mann von Format“, dem auch Gehstock und Hörgerät nichts von seiner Ausstrahlung und Würde nehmen.  Ein Mann, nach dem sich zweifellos immer noch die Frauen umdrehen. An seiner Seite die Fotografin Pamela Frank, die er 2008 – immerhin schon 81-jährig – heiratete. „Ich würde nichts an meinem Leben ändern, wenn ich noch einmal von vorn beginnen könnte, allerdings hätte ich meine letzte Frau zuerst geheiratet“, flirtet Mr. B. durchaus überzeugend in Pamelas Richtung. „Ob ich verheiratet bin? Oh ja, sehr sogar!“ Pam strahlt und errötet ein ganz klein wenig. Spätes Glück ist vielleicht doch keine Illusion. Vielleicht wäre in den fünfzig Jahren davor einiges anders gelaufen. Harry Belafonte verrät in seiner Autobiografie „My Song“ auch seine dunklen Seiten, er berichtet von seiner langjährigen Spielsucht an der Seite von Frank Sinatra in den Mafia-eigenen Spielhöllen von Las Vegas, wo der Star wegen seiner Hautfarbe zwar in einem schäbigen „Nigger-Motel“ am Stadtrand nächtigen musste, aber als gern gesehener Zocker fast sein ganzes Vermögen bei Wodka, Schampus und Teilzeitbräuten verjubelte. Über 50 Jahre war er mit der Tänzerin Julie Robinson verheiratet, fast genauso lange währte seine Psychotherapie beim Österreich-stämmigen Dr. Peter Neubauer vom New Yorker Siegmund-Freud-Institut. „Ich wurde nicht damit fertig, dass ich zum Star geworden war und in den Südstaaten wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wurde.“

 

 

In The Ghetto

 

Harrys bildhübsche Mutter mit dem schönen Namen Millie Love war doppelt illegal: Bürgerin New Yorks ohne Aufenthaltsgenehmigung und von Beruf Lotteriebetreiberin in Harlem. Harrys Vater Harold war ein Säufer und Schläger. Wenn er abends nach Hause kam, in die wechselnden Bruchbuden ohne Heizung, ständig auf der Flucht vor den Behörden, verprügelte er Frau und Kind, bis die zerrissenen Bettlaken blutig waren. Als Harry sich ans Flicken der Wäsche machte und dabei mit der Schere ausrutschte, verlor er sein rechtes Augenlicht. Zur Strafe für seine Ungeschicklichkeit und fürs Doktorspielen mit der kleinen Eleanor aus der Nachbarschaft ließ Vater Belafonte an einem Sonntag vor dem Kirchgang kochendes Wasser in die Badewanne ein und befahl Harry einzusteigen. Als er gerade bei der Unterhose angelangt war und heulend ins kochende Wasser gehen wollte, riss der Vater ihn zurück und peitschte ihn mit seinem Gürtel aus, bis schließlich Mutter Love einschritt und das Kind in die Notaufnahme des Krankenhauses brachte. Harry begann, seiner Mutter das Lotteriegeld zu stehlen, wüste Prügeleien waren an der Tagesordnung. Er schämte sich seiner Hautfarbe und verbreitete, sein krauses Haar und sein dunkler Teint seien das Resultat einer schweren Verbrennung, und er ging nicht mehr zur Schule. Down Town Harry im letzten Haus einer ausweglosen Sackgasse. Wärme gab es nur als heißen Dampf aus Gullys und U-Bahnschächten, erinnert sich der alte Mann im frühlingshaften Hamburg. Und an einen Satz seiner Mutter: „Lass keinen Tag vergehen, an dem du nicht die Gelegenheit ergreifst, für Gerechtigkeit zu kämpfen.“

 

Phoenix aus der Asche

 

Mit 17 meldet sich Harry freiwillig zur U.S. Navy und erlebt als schwarze „Teerjacke“ die Fortsetzung des Rassismus mit militärischen Mitteln. Rassentrennung, ähnlich der Apartheid Südafrikas, war an der Tagesordnung in allen Waffengattungen. Später lügt er seiner ersten Frau Marguerite vor, er sei Angehöriger einer amerikanischen U-Boot-Elitetruppe gewesen, um (erfolglos) Eindruck zu schinden. In einer Theatergruppe trifft Harry seinen ersten richtigen Freund: Sidney Poitier, wenig später auch Marlon Brando, Walter Matthau, Rod Steiger, Elaine Stritch und Tony Curtis, allesamt noch völlig unbekannt, und spielt mit Ihnen „Days of Our Youth“. Durch einen Zufall landet Harry wenig später im Jazz Club „Royal Roost“, wo ihn ein befreundeter Kellner umsonst in der ersten Reihe sitzen lässt. Kein Geringerer als Charlie Parker fordert ihn auf, mal was zu singen. Belafontes „Pennies from Heaven“ vervielfachten sich auf 70 Dollar die Woche, kurz darauf  auf 200 Dollar, „denn das Roost war Abend für Abend brechend voll, alle Leute wollten ‚The Gob with the Throb‘ hören“, den Matrosen mit dem Rhythmus, wie ein Klatschreporter ihn taufte. Eine Radiosendung live aus dem Club, machte aus dem Hilfsarbeiter, der noch vier Wochen zuvor Kleiderständer geschoben hatte, den „Cinderella Gentleman“. Die ersten 10.000 Schallplatten von insgesamt 150 Millionen wurden allein in New York verkauft. Miami für 500 Dollar die Woche plus Taxi-Passierschein für Schwarze, Auftritte in St. Louis/Missouri, bei denen Farbige keinen Zutritt hatten, Mega-Shows am Broadway und in den Megahotels von Las Vegas, deren Pool für „Blacks“ gesperrt war. Auftritte in der Ed Sullivan Show, Goldene Schallplatte, Elvis Plattenverkäufe getoppt – Harry geht ab wie der Hau-den-Lukas-Bolzen auf dem Jahrmarkt des Show-Biz. Songs, die heute Evergreens sind, wie „Day-O”, „Cotton Fields”, „Angelina”, „Island in the Sun”, „La Bamba”, dazu Hollywood-Streifen wie „Bright Road” oder „Carmen Jones“ – erobern die ganze Welt. A star is born.

Zurück zu den Wurzeln

 

Harry, der 85-jährige, denkt einen Moment lang nach und sagt dann, dass er manchmal das Gefühl hatte, seinen Kompass zu verlieren, so wie er verhätschelt und auf Händen getragen wurde über viele Jahrzehnte. Aber seine Frechheit, mit der Gewerkschaft und der Bürgerrechtsbewegung bis heute gemeinsame Sache zu machen, halfen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Und sie riefen auch Gegner auf den Plan: FBI, CIA, rechte Politiker der McCarthy Ära observierten und verhöhnten den schwarzen, kulturellen Anführer an der Seite von Martin Luther King, an der Seite der Irak-Kriegsgegner in späteren Zeiten. „George W. Bush ist der größte Tyrann und Terrorist der Welt“, konterte der politische Aktivist Belafonte im südamerikanischen Fernsehen. Der rassistische Ku Klux Clan bedrohte Harry und seine Fans nicht nur in den Südstaaten der USA, er steckte Autos und Hotelzimmer in Brand und wütete ungestraft mit Mord und Totschlag gegen die schwarzen Aktivisten. Dennoch oder gerade deswegen förderte Belafonte mit Millionenbeträgen und der Herstellung von größtmöglicher medialer Öffentlichkeit die Ziele der Befreiungsbewegung: Das Ende der Rassendiskriminierung in den USA. Sein Mentor Paul Robeson, ein bekannter schwarzer Footballspieler, Sänger und Schauspieler, schrieb ihm ins Poesiealbum, dass „Künstler zu sein, ein großes Geschenk und Abenteuer ist. Denn Künstler sind Wächter der Wahrheit. Die wahre Mission der Kunst ist es, der Wahrheit Geltung zu verschaffen, Menschen emotional zu inspirieren und zu berühren.“ Und Harry fügt hinzu: „Und zu motivieren! Wir sind die Erinnerungsgaranten für diejenigen, die vergessen wurden.“ Harry hat die Länder der Vergessenen und die Vergessenen selber kennengelernt, z.B. als UNICEF-Botschafter an der Seite von Audrey Hepburn in den ärmsten Ländern Afrikas, in den privatwirtschaftlich geführten Gefängnissen der Vereinigten Staaten, auf den Pershing II Stützpunkten in Europa und auf den Schlachtfeldern von Vietnam. In seinem Adressbuch standen alle, die er brauchte für „We are the world, we are the children“. Er machte so unterschiedliche Charaktere wie Bob Dylan, Paul Simon, Charlton Heston, Eleanor Roosevelt, John F. Kennedy, Bruce Springsteen, Michael Jackson – die komplette Liste würde eine weitere Seite füllen – zu internationalen Feuerwehrleuten auf den Brandherden der Welt. – Und heute, Mr. Belafonte? – „Well, ich höre heute im Fernsehen wieder die altbekannten Worte: ‚Wascht euch mal! Macht keinen Krach! Sucht euch einen Job!‘ Alles, was sie heute über die Occupy Wall Street Bewegung sagen, haben sie wörtlich auch über unsere Bürgerrechtsbewegung gesagt. Vielleicht macht die Menschheit jetzt dank dieser vielen jungen Leute auf den Straßen den nächsten Evolutionsschritt.“ Und Harry lacht vergnügt, sein Song swingt durch diesen sonnigen Frühlingstag in Hamburg.

15.7.2012

Filme und Videos – Meine Bilder bewegen (sich)

Filed under: Lebensgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 15:58

Ich wollte immer schon zum Film oder zum Fernsehen, monumentale Movies drehen, großes Kino machen – wenn schon, denn schon! Das wusste ich schon mit 13. Also schrieb ich handschriftlich und ahnungslos den NDR in Hamburg und das ZDF in Mainz an, um den Sendern mitzuteilen, dass mit mir als Kameramann noch zu rechnen sei. Dummerweise fragte ich in diesem Brief, ob sie auch Brillenträger nähmen. „Nö, machen wir nicht“, war die desillusionierende Antwort in ansonsten recht freundlichen Absagen. Ich war ziemlich lange ziemlich zerknirscht ob dieser Körbe. Also hab ich mir erst mal eine Super-Acht-Kamera gekauft und die Kirschblüten im Garten und Mama beim Teppichklopfen gefilmt, später auch die langmähnige Jugend-Gang, zu der ich gehörte, und meine damalige Freundin Jutta.

Nach diversen Zwischenstopps bin ich dann doch noch zum Fernsehen gekommen, nicht als Kameramann, aber als Autor, Reporter und Sprecher. Immerhin! Für den NDR in Hamburg, DAS!-Redaktion und Extra3, drehte ich beispielsweise alles, was mir weltbewegend erschien: Eine Lebensversicherung für Schweine in Duderstadt, einen Dessous-Bringdienst in Hannover, eine Bier brauende Kirchengemeinde in Hannover-Linden (das darin enthaltene von mir frei erfundene neue Gebot, das „Reinheitsgebot für Bier“, brachte mir zwar einen höllischen Verriss auf  der Titelseite der Evangelischen Zeitung ein, beim NDR jedoch das Renommee eines Nachwuchs-Monty Python. Womit wir wieder beim Gesamtthema dieses Blogs sind) und noch andere bemerkenswerte Themen.

Wie ihr vielleicht wisst, arbeite ich auch als Fotograf. Dieses Thema, vor allem, wie ich dazu gekommen bin, werde ich andermal  zum Besten geben. Aber aus den Stills wurden tatsächlich Movies, weil ich irgendwann eine digitale Spiegelreflexkamera hatte, mit der man auch Filme drehen konnte. Nicht diese flachen Bilder, die Camcorder im Allgemeinen ausspucken, sondern Videos in echtem Kino-Look. Das Ganze in Full HD und 16:9. Ich konnte plötzlich mit einer 3.000 Euro-Ausrüstung dieselben Filme drehen, für die man vor ein paar Jahren locker das Zehnfache ausgeben musste. Wirklich eine Sensation, ein Quantensprung der Technik. Und ich sage euch, wenn du von irgendwas begeistert bist, dann schmeiß dich genau an der Stelle in den Strom, den die Euphorie dir zeigt! Dann klappt alles. Wie der geniale Victor Hugo es ausgedrückt hat: “ Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Und diese Zeit ist nun gekommen.

Zurzeit drehe ich für die Pestalozzi-Stiftung in Burgwedel diverse Videos über deren vielfältige Angebote. Im August werden diese Filme auf der neuen Webseite der Stiftung zu sehen sein, ich informiere euch dann hier und auf meinen anderen Kanälen, wenn alles online ist.

Diese Woche habe ich nun einen ersten kleinen Film für die Evangelische Kirche im NDR gemacht, einen Video-Teaser über das „Bilderbuch Gottes“, wie die St. Jakobi-Kirche in Peine – mit Recht! – auch genannt wird. „Teaser“ deshalb, weil der Film am Ende einlädt zu einem Radio-Gottesdienst, der heute Vormittag über die Sender der ARD ging.

Hier ist der Film:

Neue Filme sind schon in der Planung, ich werde sie in den nächsten Wochen auch hier veröffentlichen.

Interessierte Kirchengemeinden und natürlich auch alle anderen Interessenten, die sich auch ein solches Video für ihre Webseite oder andere Zwecke wünschen, können sich jederzeit bei mir melden. Sie werden staunen, wie preisgünstig Videos im Kino-Look sein können!

10.3.2012

Foto-Shooting: Himmlische Funker

Filed under: Bildgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 17:31

Autoren der NDR Morgenandachten auf NDR 1 Niedersachsen.

Was tun, um Portraits ein wenig Leben einzuhauchen? Zum Beispiel einfach mal bei Wind und Wetter an einem regnerischen Märztag auf die Straße gehen, nicht vor einer weißen Wand oder im Studio unter optimalen Lichtbedingungen fotografieren, sondern den Wind die Haare der „Models“ zersausen lassen und als Hintergrund das Postauto oder verschwommene Passanten in Kauf nehmen. Dann noch etwas Experimentieren mit unüblichen Brennweiten, in diesem Fall statt mit dem klassischen 80er mit einem 100-400 mm Tele-Zoom. Mit einem starken Blitz noch ein wenig Lichter in die Augen der Kandidaten zaubern, und schon hat man einen ganz anderen Soul im Bild. Nicht unbedingt nach Lehrbuch gearbeitet aber mal was anderes.

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© Juergen Gutowski 2012

9.9.2011

Sir Cliff Richard: Rock & Roll im Weinberg – Interview & Photoshooting

Filed under: Lebensgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 17:00

Achtung Redaktionen: Topaktuelles Angebot Story & bislang unveröffentlichte Fotos

© Text & Foto: Jürgen Gutowski | www.juergengutowski.de 

 

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Rock & Roll im Weinberg

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit Cliff Richard in Portugal getroffen. Er betreibt dort seit genau zehn Jahren seine „Adega do Cantor“ (Weingut des Sängers). Wir haben über seine bettelarme Kindheit gesprochen, in der er die Stiefel mit seiner Mutter teilen musste, als die sechsköpfige Familie in einem Ein-Zimmer-Loch hauste und die tägliche Hauptmahlzeit aus ein paar Scheiben Toast bestand, die mit Tee übergossen und mit Zucker bestreut wurden. Sir Cliff verrät vorab die musikalischen Pläne für 2012 und berichtet natürlich auch, wie es ihm gelang, den Wein von der Algarve, bis vor zehn Jahren verschrien als „Kopfschmerz in Flaschen“, zu internationalem Ruhm samt höchsten Auszeichnungen zu führen.

 

Textprobe:

„…Durch die Weinreben kommt ein schlaksiger Jüngling geschlendert, kurze Hose, Baseballkappe, Sonnenbrille, breites Lächeln, fester Händedruck. Dass Cliff Richard, 1995 von der Queen in den Adelsstand erhoben, in diesem Oktober 71 wird, erscheint wie eine Kapriole der Natur. Seit 53 Jahren rockt Sir Cliff die Welt und hält seit 1958 seine 71 Kilo samt einem Waschbrettbauch, auf dem der Sänger zweifelsohne seine Songs wie „Congratulations“ oder „Living Doll“ begleiten könnte. Glückwunsch auch von uns! Über Wein und Weib reden wir später, jetzt geht’s erstmal um den Gesang. Soul-Songs präsentiert er diesen Herbst, eingespielt mit den Helden des Genres: Brenda Holloway, The Temptations, Freda Payne und Percy Sledge. Drüben in seinem Studio neben der Windmühle lernt er gerade die Texte. „When a man loves a woman…“ Werden die Radios die Songs spielen, „das ist die Frage aller Fragen…“…

27.8.2011

Indien – Ashram und Ayurveda

Filed under: Lebensgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 11:35

Eine Reise zum Ich

© Text & Fotos: Jürgen Gutowski

„Wer Indien nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen gesehen hat, für den bleibt es ein Heimwehland.“ (Hermann Hesse)

Die rote Abendsonne spiegelt sich in immer neuen, fließenden Mustern im Ganges. Ich nehme das öffentliche Boot zum allabendlichen Prayer auf der anderen Seite des magischen Flusses. Es ist kurz vor fünf in Rishikesh, heilige „Stadt der Sehenden“, der Yogis und Hindus: Gottheit unter den indischen Ashrams. Kein Fleischer könnte hier überleben, denn alle 60000 Einwohner von Rishikesh sind Vegetarier, Nachfahren der indischen Gottheiten, die hier das Licht der Welt erblickten; gelassen und selbstbewusst spazieren deshalb Rinder und Kühe durch die Gassen und Tempelanlagen. Auf den Treppen am Fluss sitzen, eingerahmt von gewaltigen, farbenprächtigen Schreinen, ein paar hundert Menschen: vollbärtige Mönche, Inderinnen in bunten Saris, gelb gekleidete Klosternovizen, langhaarige Yogaschüler aus aller Welt. Das Hare Krishna wird angestimmt wie schon seit Jahrhunderten, im letzten Abendlicht züngeln Feuer in goldenen schlangenförmigen Leuchtern. Männer und Frauen werfen Zettel mit ihren Wünschen und Gebeten in die Flammen, und der Rauch trägt die Gedanken, Sehnsüchte und Hoffnungen zu höheren Instanzen. Die Beatles haben 1968 hier ihr „Inner Light“ komponiert, George Harrison sang „My sweet Lord“, Donovan und die Beach Boys meditierten in den Ashrams am Fluss, und vor kurzem suchte Madonna ihre jüngste Reinkarnation an diesen heiligen Ufern. Jemand raunt mir zu, „die Yogis glauben daran, dass sich die an einem Ort gedachten Gedanken sammeln und ein spürbares Feld bilden!“ Und in Rishikesh ist die Mischung ein wenig Gottesdienst, Feuerwerk, Irrenhaus und Woodstock – und noch mehr, so sagt mir mein sechster Sinn. Der Gesang ist lauter geworden, die Luft zittert, Inder, Deutsche, Australier tanzen verzückt zu den psychedelischen Gesängen, Frauen und Männer vertrauen sich den reinigenden Fluten des Ganges an, während Shiva, der Gott der Ekstase, hell er- und beleuchtet, segnend die Szenerie überragt. Oft hatte ich von diesen spirituellen Ritualen gehört, jetzt weiß ich, wie mitnehmend sie sind. Und jetzt verstehe ich auch, dass hier, genau an diesem Ort im Himalaja, die „Wissenschaft vom Leben“, auch bekannt als „Ayurveda“, vor 5000 Jahren ihren Anfang nahm. Die „Rishis“ von damals, die heiligen Männer, die der Stadt den Namen gaben, waren die ersten, die sich schon vor Jahrtausenden der Chirurgie, der Pflanzenkunde, der Psychologie und der Harmonisierung und Ausbalancierung von Körper, Geist, Seele und Spiritualität widmeten, und damit die Basis legten für eine globale Medizin, für jeden zugänglich, für jeden erschwinglich, für niemanden schädlich.


 

Die Rishis von heute finde ich eine halbe Autostunde später hoch oben in den Ausläufern des Himalaja. In 1000 Metern Höhe haben sie auf dem Gipfel eines Berges den höchst gelobten und meist ausgezeichneten Spa der Welt geschaffen: Ananda in the Himalayas. „No.1 of the top 25 spas in the world“, wie die Leser des Condé Nast Traveller unlängst befanden. Hier wurde der Spa nicht einem Hotel angeheftet, eher verhält es sich umgekehrt. Und er ist mehr als nur ein Spa, denn auch hier schwebt der Geist von Rishikesh über den heilenden Wassern, wie ich später erfahren werde.

 

Hinter dem schmiedeeisernen Tor erhebt sich, von Rosengärten und Springbrunnen umgeben, der Palast des Maharadschas von Teri Garhwal, märchenhaft wie ein maurisches Schloss, gewaltig wie ein mittelalterliches Kloster, elegant wie ein englischer Landsitz. Lord Mountbatten, letzter Vizekönig von Indien, und die ehemalige indische Premierministerin Indira Gandhi lustwandelten schon in den hellen gelb und blau dekorierten Hallen dieses Palastes. Gewohnt haben sie in der prunkvollsten Suite, der einzigen Unterkunft in diesem Haus, der Viceregal Suite, die mit 220 Quadratmetern Wohnfläche eine ganze Etage umfasst. Der Check In ist kurz, und Minuten später chauffiert mich der livrierte Page auf einem lautlosen Elektrowägelchen hinüber zum eigentlichen Hotel des Anwesens. Ich gehe über eine überdachte hölzerne Brücke und stehe dann in meinem Refugium für die nächsten Tage. Automatisch öffne ich als erstes die Tür zur Terrasse und unter mir eröffnet sich das spektakuläre, tausend Meter tiefe Himalajatal. Der Ganges schimmert in der Ferne, Gebirgsadler segeln in der klaren Bergluft, und über allen Gipfeln ist Ruh`.

Der Weg zum Spa ist kurz, die Erinnerung an ihn wohl lebenslang. Die Maße sind enorm: 20 Therapieräume auf 2000 Quadratmetern, aber wichtiger als Daten und Inhaltsverzeichnisse ist die Chance zur Änderung und Heilung, die dich hier mit Händen greift. Du ahntest es ja schon lange, dass eine Tiefenreinigung deines Körpers und eine Inspiration deines Geistes, die Wiederentflammung deiner kindlichen Seele dich wieder auf deinen Weg zurückführen könnten. Das lange verloren geglaubte gute Lebensgefühl, diese gelassene Weltumarmung, dieser Lebensstil, der ohne negative Gedanken oder Ängste auskommt. Da liegst du nun nackt auf der hölzernen Massagebank in der abgedunkelten Wellnessklause, Wasserfälle, fernes Donnern, Vogelgezwitscher und sanfte Symphonien tragen dich und deine Erinnerungen in dein inneres Wunderland, während sich heißes, geheimnisvolles, in Jahrtausenden weiter entwickeltes Öl auf deinen Körper ergießt. Die beiden Begleiter zum Ich singen ein leises Mantra, und dann berühren vier synchrone Hände deine Chakren oder wie immer du die Lebenszentren deines Körpers nennen magst. Unter die Haut gehen die rhythmischen Eingriffe an den Stellen, wo die Linderung wartet. Im Westen nennt man es Revitalisierung, doch was sind schon Fachbegriffe, wenn du spürst, dass du von Grund auf geweckt wirst. Du vergisst die Welt und die Vergangenheit, Zukünftiges verliert und Gegenwärtiges gewinnt an Bedeutung. Bei Sonnenuntergang findest du dich wieder im Yoga Pavillon im Angesicht des Himalaja. Nie hast du meditiert, aber das ist egal, denn die Yogalehrer um Dr. Pramod Mane werden dir niemals irgendwelche Exerzitien aufzwingen sondern dich zu jener Tür führen, wo du dich zu dir nach Hause einlädst. Öffne die Faust, lass deinen Atem fließen, finde deinen eigenen inneren Wellengang, vergiss alle Tranquilizer und die schaumschlagenden Slogans der organisierten Bedeutungslosigkeiten. Kann sein, dass du einen alten Freund dabei wiederfindest. Dich selber.

Und wenn du noch weiter gehen möchtest, begib dich in die Hände von erfahrenen und verantwortungsvollen Therapeuten, die dich selbst in vergangene Leben zurückführen, wo du lernst, dir selbst zu verzeihen und zurückzukehren in deine neue Welt ohne Angst, Scham oder Stress. Ganzheitliche Wellness, wie oft haben wir dieses Schild nur auf der Tür gesehen, hier erfährst du sie, nachdem du durch dieses Tor gegangen bist. Und hier gibt es noch Hunderte weitere Türen, zusammengetragen aus dem Wellnesswissen aus Ost und West. Wenn du hier bist, wirst du wissen, welche die deine ist. Ich sitze im abendlichen Amphitheater, eine Tasse Tee in den Händen, von tausend Kerzen umgeben, vom Klang der Sitar, von der Schönheit und dem Lächeln der Tänzerinnen und ihres Tanzes betört. Mitten im Himalaja, ganz allein, aber bei mir – wie schon lange nicht mehr.

Diese Reportage erschien u.a. im Art & Reise Magazin (Zürich) und wurde nominiert für den Swiss Media Award 2008.

www.artundreise.ch

13.7.2011

Songs und Poesie

Filed under: Lebensgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 11:18

Sagte ich “Das Leben des Brian”? Ja, klar, Brian Jones und die Stones haben mir den Arsch bewegt (siehe 1. Eintrag ganz unten). Und die politisch korrekte Mähne flog nur so zu “Satisfaction”! Auch wenn mir das irgendwie, so rein Sinn-des-Lebens-mäßig, nicht ganz die volle Befriedigung bescherte. Das war alles super zum Wegtanzen und zum Vergessen des Heimathauses an letzter Position einer Sackgasse im norddeutschen Flachland, aber die poetischen Killer, die mir das Herz durchbohrten, trugen doch andere Namen. Liebeskummerbedingte Moody Blues zum Beispiel, die mir trotz gestärkter Bettwäsche mit ganzjähriger Kühlungsgarantie wohlige ““Nights In White Satin“” bescherten. Nachts, heimlich, RTL-Radio auf Mittelwelle. Oder der unvergessene Jim Croce mit seiner unübertroffenen Flaschenpost ““Time In A Bottle“”. Oder Aphrodite’s Child mit ihrem Malocher-Mitfühl-Song „“It’’s Five O’’Clock… and I walk through the empty streets”“. Und natürlich diese erschütternden Winnetou-Melodien von Martin Böttcher! Sowas schlug bei mir ein wie ein Meteorit. Heute Leonard Cohen, morgen Creedence Clearwater Revival, übermorgen (wenn auch nur kurz) Reinhard Mey, Bruce Springsteen…… Diese Musikanten und viele andere kamen und gingen, lebensphasenweise waren sie wichtig für mich, dann verblassten sie wie ““A Whiter Shade Of Pale“” (Prokel hier rum, prokel da rum: Procul Harum). In Herz, Hirn und Bauch geblieben über Jahre und Jahrzehnte sind nur wenige. Klaus Hoffmann zum Beispiel, mein Seelenbruder, der mich nun schon seit 30 Jahren begleitet und der wie kein anderer die Kunst beherrscht, mir das Wort aus dem Mund zu nehmen. Ich bin davon überzeugt, dass Klaus der bedeutendste zeitgenössische Poet deutscher Sprache ist. Ein Klick auf seine Webseite, und schon ertönt der klingende Beweis für diese Behauptung:

www.klaus-hoffmann.com

Zum Glück habe ich selber auch schon Songs geschrieben, bevor ich Hoffmann kennenlernte, ich hatte also immer schon gewissermaßen meine eigene Sprache. Aber ich kann nicht abstreiten, dass Klaus und sein ozeantiefer Blues und auch seine lachtränenreiche Albernheit mich enorm geprägt haben. Was uns als Text- und Musikschaffende, die man ja gerne als “Liedermacher” schubladisiert, verbindet, ist eher die Inszenierung innerer Landschaften als der Abgesang auf ihre blühenden Gegenstücke. “Botschafter für innere Angelegenheiten”, mal als Witzbold, mal als Soul Man, das ist auch mein Berufsziel. Ich bin jetzt gerade im 25. Lehrjahr. Mal sehen, ob ich es zum Gesellenstück und vielleicht irgendwann einmal auch zu einem Meisterstück bringe. In Michael Bertrams Sound-Werkstatt in Göttingen feilen wir gerade an meinen Stücken. Ob dabei ein heißes Eisen geschmiedet wird? – Mal sehen…

Hier ist einer meiner neuen Songs:

 

ICH UND DU

words & vocals: Jürgen Gutowski

music & mix: Michael Bertram


© 2011 mb recording

6.7.2011

Ausbeutung freier Journalisten

Filed under: Lebensgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 10:59

Wer sich heute für den Journalistenberuf entscheidet, sollte sich die real existierende Medienszene genau anschauen. Immer mehr Verlage entlassen massenweise Redakteure, sourcen aus oder machen gleich ganz zu. Nun will der Verlegerverband die Gehälter aller neu eingestellten Redakteure um 30 % senken. Die Gewerkschaften laufen Sturm dagegen, und es bleibt abzuwarten, wie die Preise am Ende aussehen werden.

Noch brutaler gehen viele Verlage jedoch mit ihren freien Autoren und Fotografen um, die Honorarsätze stürzen ins Bodenlose, vom Wort allein kann so gut wie kein Schreiber mehr oberhalb des Existenzminimums leben, geschweige denn eine Familie ernähren.

Zur Veranschaulichung poste ich heute einen aktuellen Mailwechsel zwischen einem Zeitschriftenverlag und mir. Die Redaktionsleiterin schrieb gestern (5. Juli 2011) an alle freien Mitarbeiter:

Liebe Kollegen und Partner,

ab September haben wir ein weiteres Kundenmagazin übernommen. Sxxxxxxxx wird vier Mal im Jahr erscheinen. Das Konzept ist ähnlich dem von UxxxxxXxxx, der Umfang des Magazins ist geringer.

Die Umsetzung von Sxxxxxxxx würde ich gerne mit Ihrem/Euren journalistischen Input leisten.  Dafür würde ich einige Beiträge gerne in der Zweitverwendung veröffentlichen und andere nach Bedarf auch neu beauftragen. Für die Zweitverwendung würde ich ein Honorar in Höhe von 10 % des UxxxxxXxxx-Honorars anbieten und für neu beautragte Beiträge bei den aus UxxxxxXxxx-bekannten Honorarsätzen bleiben. Die gleiche Regelung würde ich auch für die für Sxxxxxxxx beauftragten Beiträge wählen, wenn diese in UxxxxxXxxx veröffentlicht würden.

Was halten Sie/Ihr davon?

Über eine positive Rückmeldung würde ich mich sehr freuen

Beste Grüße

Xxxxxx Xxxxx

Redaktionsleiterin

XxX Verlag e.K.
Xxxxxxx-Xxxxx-Str. XX
5XXXX Lxxxxxxxxx
Germany
Tel. +49 (0)2XXXXXXXXX
Fax +49 (0)2XXXXXXXXX
mailto:xxxxxxx@xxx-xxxxxx.xx

Meine Antwort:

Liebe Frau Xxxxx,

da Sie mir außerordentlich sympathisch sind und ich davon ausgehe, dass diese denkwürdige “10%-Idee” nicht von Ihnen stammt, nehmen Sie die folgenden Bemerkungen bitte nicht persönlich, sondern leiten Sie sie einfach weiter an den/die Verantwortlichen in Ihrem Hause:

Sie fragen, was ich davon halte, meine Beiträge für Sxxxxxxxx als “Zweitverwertung” für 10 % des XxxxxxXxxx-Honorars zu verkaufen. Ich habe im ersten Moment nur gelacht angesichts der XxxxxxXxxx-Honorare, die ja ohnehin schon niedriger sind als jede mir bekannte Zweitverwertungsmöglichkeit. Denn nirgends wird man für eine Erstverwertung mit 100-200 Euro “entlohnt”. 10 % von diesen Preisen bedeutet dann ein Honorar von 10-20 Euro oder so für eine komplette Story, und für ein Foto gibts dann noch 2,50 bzw. in meinem Fall 5 Euro… Eigentlich ist Ihr Ansinnen ein Fall für DJV und ver.di sowie für diverse Social Media Kanäle! Denn diese Preise sind nichts anderes als pure Ausbeutung. Zumal es sich bei Ihren Zeitschriften um Kundenzeitschriften handelt, die normalerweise immer sehr viel besser honorieren als normale Tageszeitungen o.ä. Oder ist es beim XxX-Verlag sogar schon soweit gekommen, dass man aus der Bedürftigkeit mancher Journalisten ein Geschäftsmodell entwickelt hat? Frei nach dem Motto: “Irgendein armes Schwein wird es schon für ein Almosen machen!” ???

Ich nehme diese Anfrage zum Anlass, meine Zusammenarbeit mit Ihrem Hause umgehend zu beenden! Dies betrifft meine Autorenschaft genauso wie meine Bemühungen, dem Verlag neue Werbekunden zuzuführen. Angesichts von Preisen von 20.000 Euro für ein paar Seiten Advertorial oder “Special” ist Ihre geplante Honorierung freier Mitarbeiter eine einzige Frechheit, um nicht zu sagen: ein Schlag ins Gesicht und das Ende jeder beruflicher und kollegialer Wertschätzung!

Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Gutowski

Die Redaktionsleiterin antwortete heute:

Lieber Herr Gutowski,

ich bin sehr froh, dass Sie mir das nicht persönlich zur Last legen. Denn die Einstellungen zur Honorierung der Journalisten gehen hier sehr stark auseinander.

Ich finde es sehr schade, dass Sie unsere Zusammenarbeit als beendet sehen, kann es aber gut verstehen.

Ich hoffe, dass wir vielleicht an anderer Stelle nochmal zusammen kommen und wünsche Ihnen alles Gute

Viele Grüße

Xxxxxx Xxxxx

 

11.5.2011

Himmlische Airbags – Erinnerungen an Südafrika

Filed under: Lebensgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 11:12

Bis vor kurzem lebte ich in Südafrika, ingesamt drei Jahre lang. Meine Frau, die bei Daimler in East London arbeitete, hatte mich dorthin verschleppt. Ich habe mich gerne verschleppen lassen, denn nach mehr als 20 Südafrikareisen seit 1994 war ich dem Land am Kap der Guten Hoffnung stets hold und bin es bis heute. Wir lebten am Leadwood Place im Stadtteil Beacon Bay, ein paar Minuten vom schönsten Strand des Indischen Ozeans entfernt. In einem Traumhaus mit zwei Etagen, Doppelgarage, Springbrunnen unter Mangobäumen, zwei Angestellten und einer High-Tech-Alarmanlage mit Bewegungsmeldern und privaten Cops, die bei Alarm über die Mauer sprangen. Wir gehörten zur Klasse der “Happy Few”, also zu den 6 Prozent der Bewohner dieses schönen Landes, die mehr als 1000 Euro monatlich überwiesen bekamen. Waren wir deshalb glücklicher als die restlichen 94 Prozent, die zum großen Teil in Zuständen der Armut leben, die sich ein durchschnittlicher Mitteleuropäer mit mittlerem Fantasiepotenzial nicht mal im Traum vorstellen kann? Wenn ich an die Gespräche mit anderen Expats denke, ab welcher Höhe eine Mauer unseren Reichtum schützen kann, oder ob die 50 Euro-Cent für den Autowächter vorm Restaurant die “Preise kaputt machen” könnten, dann muss ich diese Frage verneinen. Und wenn ich an Eunice, unsere Haushälterin, denke, muss ich sie erst recht verneinen. Eunice hatte ihren Mann und einen Sohn verloren, die beide an AIDS gestorben waren. In fast jeder südafrikanischen Familie schlägt diese Krankheit zu, sie hat dazu geführt, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Südafrikaner von 65 auf 43 Jahre verkürzt hat. Die Lage hat sich kaum verbessert. Wie auch, wenn der frühere Präsident Mbeki den Zusammenhang von HIV und AIDS stets leugnete und der gegenwärtige Präsident Zuma öffentlich behauptete, Duschen nach dem Geschlechtsverkehr mit Infizierten wäre ein wirksamer Schutz vor Ansteckung. Eunice hatte da mehr Ahnung als beide Präsidenten zusammen. Aber sie hatte noch etwas anderes, was viele Besucher Afrikas “ansteckt”, auch in “positiver” Weise infiziert: Den “Geist von Ubuntu”. Eine Lebensfreude, die jeden umarmt, der es zulässt. Eine Herzenswärme, die gespeist wird aus einer tiefen Spiritualität, die jeden Schicksalsschlag abfedert wie ein himmlischer Airbag. Ein Soul aus ansteckendem Lachen und ergreifendem Weinen, pulsierendem Rhythmus im Herzenstakt, einem Akzeptieren ohne Wenn und Aber. Wenn es gelebte Toleranz gibt, dann in Afrika. Sie ist den Afrikanern wie Tanz, Musikalität und Spiritualität in die Wiege gelegt. Egal, wie verrückt sich jemand kleidet, wie schräg er singt, wie dick oder dünn er ist, wie abwegig er denkt oder spricht: er gehört dazu und sitzt selbstverständlich am Tisch aller. Und auf dem Tisch stehen Gläser, die allesamt halbvoll sind, nie halbleer.

Dazu eine kleine Anekdote: Ich war nach einem Jahr in Südafrika wieder nach Deutschland geflogen. Es war ein wunderbarer, sonniger Frühlingsmorgen Ende April, als ich über die leuchtenden Rapsfelder Niedersachsens in Hannover einflog. Ich freute mich unheimlich, wieder zuhause zu sein, ich freute mich auf meine Freunde und Kollegen, auf richtiges Brot und die Hochzeitssuppe in der Markthalle. Draußen vor dem Flughafen-Terminal stieg ich in ein Taxi, immer noch ganz high von diesem ergreifenden Moment, und rief dem Taxifahrer enthusiastisch zu: “Was für ein wunderbarer Frühlingstag!!!” Seine Antwort bestand aus vier Worten, die er aber in einem Wort rauszischte: “istmorgenwiedervorbei!”

Eine Woche vorher in Beacon Bay war ich mit unserm Wagen zur Tankstelle gefahren. Es regnete, seit Tagen schon goss es in Strömen, ziemlich ungewöhnlich für das südafrikanische Eastern Cape mit seinen mehr als 300 jährlichen Sonnentagen. Von weitem sah ich schon die Tankwarte zwischen den Zapfsäulen herumswingen, aus den Lautsprechern unter der Decke dröhnte Radio Algoa FM, und mangels Mädels tanzten die Sprit-Boys mit den Benzinschläuchen. Ich ließ das Fenster runter und brüllte durch Regen und Reggae: “Mann, was für ein Scheißwetter!” Der Tankwart lachte schallend und rief zurück: “Ja, Mann, aber die Frösche sind happy!”

Du kannst Afrika verlassen, aber Afrika verlässt dich nie.

Text & Foto © by Jürgen Gutowski

10.5.2011

1700 PS – Tiefflieger mit TÜV-Zulassung

Filed under: Autogeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 17:05

Die stärkste Cobra der Welt kommt aus dem Harz

Wolken hängen über den sanften Hügeln des Vorharzes, die Vögel zwitschern friedlich hier im Dörfchen Ackenhausen vor den Toren des niedersächsischen Kurortes Bad Gandersheim. Noch ist alles still und Schmidts Katze döst nichts Böses ahnend auf dem Sims. Doch dann flattert ein fernes Fauchen dumpf und röhrend durch die dörfliche Stille. Kommt schnell näher, und hast du nicht gesehen, steigert sich das Geräusch binnen Sekunden zu einem infernalischen Gebrüll mit den akustischen Zutaten eines afrikanischen Donnerwetters plus entsprechender Löwenbande.

Das Großhirn signalisiert Flucht, der Katze stehen die Haare zu Berge, bevor sie panisch um die Ecke flieht. Claus Weineck (54) bremst die beinahe profillosen 315er Rennwalzen seines schwarz-weißen Oldies auf dem Hof seiner Schrauberlaube und steigt so gelassen aus dem Tiefflieger, als käme er gerade vom Milchholen. Stopp mal, ein Oldie ist das hier nicht, oder? „“Nur die Form der Karosserie haben wir von der 65er Cobra übernommen, alles andere ist nagelneue Renntechnik!“” Kohlefaserverstärkt -– Airbus A 380 lässt grüßen -– ruht der rundliche Body auf dem massiven Rohrrahmen aus vier Zoll starkem Molybdänstahl.

Ein paar Zahlen machen deutlich, dass bei diesem Auto alle gängigen Begriffe aus der Welt der mobilen Fortbewegung versagen: Aus 16 Litern Hubraum zieht die Kampfmaschine die gesammelte Kraft von 15 japanischen Kompaktwagen: 1200 PS reichen aus für rund 400 km/h Spitze. Und wenn das immer noch zu trödelig erscheint, schaltet der Fahrer noch mal 500 PS aus dem Nitro-Oxygentank -– sprich aus der Lachgasflasche – zu, ganz einfach per Knopfdruck. Was einer Verdreifachung des Drehmoments von eh schon 1350 Newtonmeter gleichkommt! „„Habe ich aber noch nie gemacht, weil es einfach keine Straßen für diese Geschwindigkeiten gibt.”“ Bis 380 Stundenkilometer hat Claus die Cobra schon getestet, „„aber da war noch reichlich Luft unterm Pedal.“” Die Beschleunigung des Weineck-Vehikels macht jeden klassischen Drag Racer zum Bollerwagen, jeden Ferrari zum Tretauto. Kein Porsche oder Maserati geht eben selbst bei Tempo 200 noch ab wie Schmidts Haustier: „“Als würdest du einem Porsche im ersten Gang die Peitsche geben!“” In 2,8 Sekunden erreicht die Cobra Tempo 100, erst bei 160 km/h schaltet Claus in den zweiten Gang und erreicht nach weiteren drei Sekunden die 200 km/h-Marke. Kein Wunder, dass ein Vierganggetriebe bei diesen Übersetzungen völlig ausreicht. Dass es sich dabei um ein Viergang-G-Force Getriebe mit plasmagehärteten, gradverzahnten Getrieberädern handelt, das praktisch raketenähnliche Sprints ermöglicht, dass außerdem eine explosionssichere Kupplungsglocke vorhanden ist, dazu Fangbänder um den Antriebsstrang, ein Schraubfahrwerk mit Einzelradaufhängung und Titanfedern rundum sowie die Brembo Bremsanlage -– das zeigt zum einen, dass hier nur das Feinste vom Feinen verbaut wurde, und außerdem beruhigt es den Laien ungemein.

Ohne Extras investiert der rennhungrige Fahrer in etwa die Summe in den Wagen, die auch auf der Rechnung für einen Bentley Mulsanne oder Rolls-Royce Phantom erscheint. Doch es stehen auch gezähmte Cobras, jede ein Unikat, jede handgemacht nach den Wünschen des Kunden, auf der Angebotsliste der Harzer Boliden-Manufaktur: Ab etwa 140.000 Euro ist man dabei. Die gedrosselten 550 bis 800 PS Cobras aus der Rennerschmiede von Claus Weineck haben – gemessen an den Durstwerten der Monster-Cobra – den Vorteil, weniger als 80 Liter Rennbenzin auf 100 Kilometer wegzuspülen, sie begnügen sich mit 25 Litern Super-Plus von der Tankstelle. Dass auch die verkehrsberuhigten Cobras jeden Porsche stehen lassen, „“das ist ja ganz klar. Und – nachrüsten kann man immer!““

© 2011 by Jürgen Gutowski

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Fotos © www.weineck-power.de



 

Das Leben des Brian

Filed under: Bildgeschichten,Lebensgeschichten,Liebesgeschichten,Weltgeschichten — Jürgen Gutowski, Publizist @ 14:37

Im Ernst, im Englischunterricht der 5. Klasse mussten wir uns einen englischen Namen aussuchen, mit dem uns Fräulein Scholz (the most beautiful English teacher of the sixties, by the way) dann ansprach. Ich hatte noch überlegt, soll ich Richard nehmen oder Brian? Denn Cliff Richard und Brian Jones fand ich geil, auch wenn dieses Wort damals zum sofortigen In-der-Ecke-stehen geführt hätte. Brian machte das Rennen, denn ich fand die Rolling Stones schließlich doch cooler als den gerade fromm gewordenen Richard. Auch der damalige Hit der Stones „“Let’’s spend the night together”“ hatte nachhaltig Eindruck auf mich und später auch auf Fräulein Scholz gemacht, als sie nämlich englische short forms mit uns durchnahm und der 11-jährige Brian – die inkarnierte short form – ihr genau mit diesem schönen Satz „“Let’’s spend the night together“…” den hübschen Kopf derart verdrehte, dass sie dem ungezogenen Schööler mit dem Lineal einen leicht schmerzhaften, wenngleich glückseligen und bis heute unvergessenen Mittelscheitel zog.

OK, dies ist der erste Eintrag aus dem Leben des Brian. Ein paar Jahre sind inzwischen ins Land gegangen. Aber ich sage euch: Brian lebt! Ihr werdet es mit eigenen Augen sehen. Und hören!

Brian, ein paar Jahre später

Ah, bevor ich es vergesse: Hier ist der besagte Song:

Fräulein Scholz gewidmet in ewiger Liebe!

Ihr Brian

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